In Russland weitet sich eine Bankenkrise aus. Kunden misstrauen privaten russischen Banken und heben ihr Geld ab. Analysten und Wirtschaftwissenschaftler berichten über Liquiditätsengpässe bei den Kredithäusern, Bankenschließungen und Problemen bei der Refinanzierung der Banken untereinander. Pessimisten warnen vor einem Übergriff der Krise auf den Immobiliensektor und die Binnennachfrage. Für eine Marktwirtschaft sind Banken von fundamentaler Bedeutung, weil sie die Gelder für Investitionen bereitstellen und Risiken bewerten. Langfristige Vorhaben wie Immobilien- oder Anlageinvestitionen leiden unter Knappheit von Krediten. Zwar hat die russische Zentralbank die Mindestreserveanforderungen der Geschäftsbanken gesenkt und damit den Druck auf das Bankensystem gedämpft. Doch scheint eine Konsolidierung des russischen Bankensystems in weiter Ferne. Zwei Drittel aller russischen Banken machen Verluste. Auch die Weltbank mahnt zu dringenden Reformen im Bankensektor.

Eine letztendliche Enteignung der Minderheitsaktionäre (internationale Anteilsinhaber) des größten russischen Erdölexporteurs Yukos wird immer wahrscheinlicher. Zur Begleichung der Steuerschuld plant die Finanzbehörde, das Kernstück von Yukos zu verkaufen (einen Förderbetrieb, der 60 Prozent der Produktion ausmacht). Sollte es zu einem Verkauf des Unternehmensteils kommen, werden Kapitalmarktteilnehmer sehr genau den Verkaufsprozess beobachten (Verkauf an einen Staatskonzern zu einem symbolischen Preis oder Auktion mit transparenter und fairer Preisfindung). Das Verfahren entscheidet über die Wahrnehmung des russischen Kapitalmarktes bei internationalen Investoren. Anleger sollten stets beachten, dass Kapital scheu wie ein Reh ist. So wie die Kurse in 2003 und 2004 an der russischen Börse gestiegen sind, können sie auch wieder fallen.

Börsianer sorgen sich um die Zahlen des zweiten Halbjahres 2004. Unsere Hoffnung auf eine solide Berichtssaison und einen Impuls für die Börsen wurde nicht erfüllt. Zwar scheint das weltwirtschaftliche Umfeld nach wie vor vielversprechend, an den Aktien- und Anleihenmärkten aber gilt der Blick nach 2005.
Die europäischen und japanischen Aktienmärkte hängen an der Entwicklung der Leitbörsen in den USA. Und hier macht man sich Sorgen, ob das Ende der expansiven Geldpolitik (steigende Zinsen) und das Auslaufen der stimulierenden Fiskalpolitik (Steuersenkungen) die Konjunktur bremsen könnten. Es bleibt dennoch festzuhalten, dass die USA in 2005 um mehr als vier Prozent wachsen sollten. Die Aussichten für Europa (Wachstum größer als 2 Prozent) und Asien (ex-Japan rund 6 Prozent) sind auch nicht schlecht. Einzig in Japan erwarten Prognostiker ein schwächeres Wirtschaftswachstum von rund 1 Prozent.


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