Die chinesische Notenbank hat zum ersten Mal seit neun Jahren die Leitzinsen erhöht. Mit der Zinsanhebung versucht die Bank, den Investitionsboom im Land der aufgehenden Sonne zu bremsen. Investitionen in Maschinen (Fertigungskapazitäten) und den gewerblichen und privaten Wohnungsmarkt haben China im dritten Quartal 2004 um rund 9 Prozent wachsen lassen. Ökonomen und Marktbeobachter warnen vor Fehlinvestitionen, Überhitzung der Wirtschaft und steigenden Inflationszahlen (heute rund 5 Prozent). In den letzten Monaten hat die Regierung schon versucht, über Kürzungen der Kreditvergabe die auf vollen Touren laufende Konjunktur zu bremsen.
Unserer Einschätzung nach ist bei der Beurteilung der chinesischen Wirtschaft die Frage relevant, ob der Zins wie in entwickelten Marktwirtschaften eine Rolle spielt. Fraglich ist, ob die angehobenen Zinsen den gleichen Steuerungseffekt wie in einer reifen Volkswirtschaft haben. China-Kritiker warnen zudem vor einem maroden Bankensystem in der Volksrepublik. Damit eine Zinserhöhung überhaupt ihren konjunkturdämpfenden Einfluß ausüben kann, müssen Banken den erhöhten Zins an die Kreditnehmer (Unternehmen und Haushalte) weitergeben. Zudem muß der Zins seine Lenkungsfunktion entfalten: Als Konsument überlege ich, ob der Zinsdienst nicht zu hoch ist und entscheide, ob ich mir Geld für Konsum leihe. Als Unternehmer wäge ich ab, ob meine Investition einen höheren Ertrag plus Risikozuschlag für die Unternehmertätigkeit abwirft als der Zins auf einem Konto der Bank. Da der Konsument nicht das Problem der chinesischen Wirtschaft ist, sondern die Industrie und die Bauwirtschaft, sollte der Effekt auf das Handeln von Unternehmern untersucht werden. Es ist bekannt, dass es in chinesischen Banken keine Kreditabteilungen mit kapitalistischen Regeln gibt. Kreditvergaben werden nicht nach Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten bearbeitet. Kennt ein örtlicher Unternehmer den entsprechenden Parteikader und braucht er einen Kredit, dann bekommt er ihn auch. An diesem Punkt sollte dem Unternehmer auch egal sein, ob er ein oder zwei Prozent mehr Zinsen zahlt. Die immensen faulen Kredite in den Staatsbanken weisen darauf hin, dass Kredite nicht nach der Maßgabe vergeben werden, ob ein Unternehmen in der Lage ist, Zinsdienst zu leisten und am Ende der Laufzeit den Kredit zurückzuzahlen. Es wäre wahrscheinlich sinnvoller und effektiver, das Bankensystem zu reformieren als Zinsen zu erhöhen.
Für Investoren bedeuten die oben angeführten Zusammenhänge, dass sie sich bewusst sein sollten, dass neben den beeindruckenden Wachstumszahlen Südostasiens auch systemimmanente Risiken stehen.

Die Aktienmärkte sind im Oktober letztendlich den Rentenmärkten in ihrer Einschätzung der konjunkturellen Aussichten gefolgt. Verhaltene Wachstumsprognosen der Unternehmen für das letzte Quartal 2004 und Anfang 2005 haben Investoren ein wenig den Optimismus genommen. Dennoch sollten Aktieninvestoren die relativ guten volkswirtschaftlichen Daten und Unternehmensergebnisse nicht übergehen. Kurzfristig könnte ein klarer Wahlsieg Bushs den Aktienbörsen im November auftrieb geben.
Die wirtschaftlichen Aussichten für 2005 bleiben robust. Vor diesem Hintergrund scheint das Potential für weiter steigende Rentenmärkte und damit fallende Zinsen beschränkt. Es scheint, dass die Erwartungen einer Verlangsamung des weltweiten Wachstums in den Anleihekursen enthalten sind.


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