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Japan vor tiefgreifenden Reformen
Dezember 1, 2003 | Comments Off
Der japanische Aktienmarkt hat einen turbulenten November hinter sich. Nachdem vor allem internationale Investoren in 2003 japanische Aktien wiederentdeckt hatten, folgte eine deutliche Korrektur Ende Oktober. Die Indizes verzeichneten so starke Verluste wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr. Von dieser Konsolidierung hat sich der Nikkei seither erholen können. Er notiert um die 10 000 Punkte. Die Gewinnmitnahmen haben unserer Einschätzung nach die Argumente nicht entkräftet, die für eine positive Entwicklung der zweitgrößten Volkswirtschaft sprechen. Einerseits sollte Japan von der weltwirtschaftlichen Erholung profitieren. Andererseits lassen sich handfeste Reformbemühungen in der japanischen Politik und Gesellschaft erkennen.
Nur ein Beispiel: Der Premierminister Koizumi ist beim letzten Wahlkampf nicht vor der Klientel der Postbeamten eingeknickt. Koizumi will die Postbank privatisieren, was bei den Angestellten der größten Kapitalsammelstelle Japans nicht gut ankommt. Langfristig sollte die Privatisierung der Staatsbank zur Lösung eines wachstumshindernden Problems beitragen: Wissenschaftler attestieren Japan immer wieder das Fehlen einer effizienten Verteilung von Geld (Fehlallokationen). Da der Staat und die Banken eng verbunden sind, achten Kreditinstitute nicht besonders darauf, an wen Kredite vergeben werden. Unternehmenskredite kommen Dank politischen Drucks oder einfach aus Gefälligkeit zu Stande – nicht aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Können in wirtschaftliche Schieflage geratene Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen (das kommt in jeder Marktwirtschaft vor), müssen Banken die notleidenden Kredite abschreiben, was das Eigenkapital schmälert. Hätte die Bank ihr Engagement vorher besser geprüft und abgelehnt, wäre es nicht zu dem schlechten Geschäft für die Bank gekommen. Aber in Japan springt bisher der Staat bei solchen Problemen ein und die Konsequenzen für die Bank und die Verantwortlichen sind gering. So war es in der Vergangenheit. Eine Privatisierung der Postbank sollte den Einfluss der Politik auf die Geschäfte der größten Kapitalsammelstelle Japans schmälern und eine bessere – also effizientere – Verteilung (Allokation) von Geld gewähren. Effiziente Allokation bedeutet, dass Geld nur dort eingesetzt oder investiert wird, wo eine Rendite erwirtschaftet wird, die dem unternehmerischen Risiko entspricht.
Positiv sollte zudem sein, dass internationale Investoren nach wie vor in Japan unterinvestiert sind und der Staat als Aufkäufer von Aktien im Markt bestehen bleiben sollte. Volkswirte sehen erste Anzeichen, dass die jahrelange Deflation (sinkende Preise als Ausdruck schwacher Nachfrage) zu Ende gehen könnte.
Wir rechnen in den kommenden Monaten mit guten Konjunkturdaten und steigenden Unternehmenszahlen. Dies sollte zu Kursgewinnen an den Börsen führen. Europäische Anleihen sollten eher steigen als fallen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass US-amerikanische Anleihen oder Renten (Treasuries) wegen der günstigen Konjunkturaussichten fallen werden (steigende Zinsen). Gefahren für den Aktienmarkt und die wirtschaftliche Entwicklung bleiben geopolitische Risiken und starke Währungsbewegungen. Für die von vielen prognostizierte Jahresendrallye an den Aktienmärkten wird die Zeit knapp. Außerdem blicken private wie institutionelle Investoren auf ein gutes Aktienjahr zurück. Wahrscheinlich wird sich die Waage zwischen Käufern und Verkäufern halten. Als Käufer werden diejenigen auftreten, die noch keine oder wenige Aktien in den Portfolios haben (Versicherer). Verkäufer werden ein paar Mutige aus dem März/ April 2003 sein. Fondssparer bleiben investiert und freuen sich auf den immer wahrscheinlicher werden Aufschwung in 2004.
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